Chronik

Geschichte und Werdegang

des Musikvereins »Harmonie« Bollendorf

gegründet in der Weilerbacher Hütte anno 1870

 

Laut Aussage einer Niederschrift in einer der jüngsten Ausgaben des jährlich erscheinenden Heimatkalenders Bitburg-Prüm soll das Gründungsjahr schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen sein. Intensive Nachforschungen nach schriftlichen Belegen und Protokollschriften blieben immer wieder ohne einen nennenswerten Erfolg, weil durch die Auswirkung des II. Weltkrieges eine Menge an Schriftgut verloren ging. Zudem besitzen die Nachkommen der Familie Servais in Weilerbach ebenfalls keine Gründungsunterlagen mehr.

Mit Sicherheit kann aber das Jahr der Vereinsgründung mit 1870 angegeben werden, da sich diese Jahreszahl dem jetzt vorhandenen Schriftgut immer wieder bestätigt.

Die Wiege des Bollendorfer Musikvereins stand im Ortsteil Weilerbach, wo der damalige Besitzer der Weilerbacher Eisenhütte Herr Emil Servais mit einigen Betriebsangehörigen den Beschluss fasste, ein Blasorchester zu gründen. Mit der Gründung dieses Vereins hatte Herr Servais eine kulturelle Leistung vollbracht, die nun schon 12 Jahrzehnte ihre Früchte getragen hat. Gott sei Dank hat es in unserem Ort immer wieder Menschen gegeben, die das Werk des Gründers bis heute weitergeführt haben. Die Belegschaft der Weilerbacher Hütte bestand zu einem hohen Anteil aus Arbeitern aus den Ortschaften Ferschweiler, Ernzen und Bollendorf, wobei letztere die größte Anzahl stellten.

Die enge Bindung an Echternach hatte den Vorteil, dass man bei der Suche nach fähigen Dirigenten schnell fündig wurde. Herr Menager, Sohn eines luxemburgischen Komponisten wurde Dirigent und schulte auch den Nachwuchs. Bahnfahrten mit der im Sauertal verlaufenden Prinz-Heinrich-Bahn kosteten Fahrgeld und so mancher der jungen Musiker tippelte zu Fuß zu den ersten Übungsstunden nach Echternach. Vorerst hatte man eine Anzahl von Instrumenten aus Belgien angeschafft. Nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges wurden weitere Instrumente, die als Beutegut der französischen Armee beschlagnahmt waren, aus der Garnison Metz bezogen. Bevor die jungen Musikanten ein Instrument ausgehändigt bekamen, bestand der Musikunterricht aus Notenlesen, Notenschreiben, Taktübungen, bei denen mit einem Holzklötzchen auf die Tischplatte geklopft wurde. Von der Gründung bis zu öffentlichen musikalischen Aufführungen vergingen Monate und Jahre. Erst 1876 wird in der Pfarrchronik die Mitwirkung einer Bollendorfer Musikkapelle in der Fronleichnamsprozession erwähnt.

Etwa ein Jahrzehnt konnte man die Kapelle in personeller Besetzung aus mehreren Orten zusammenhalten. Danach bestand das Orchester nur noch aus Mitgliedern aus Bollendorf, Es gab nun häufiger Auftritte bei kirchlichen und vaterländischen Festen, bei Waldfesten, zu Kaisers Geburtstag und regelmäßige Konzerte für die sogenannten »Sommerfrischler« nachdem Familie Barreau 1885 Hotel Burg Bollendorf eröffnet hatte. Sichtbares und ältestes Zeugnis über die Existenz des Vereins ist noch gut leserlich zu finden in einem der Rundbögen in der Hohllay bei Berdorf im Herzen der kleinen luxemburgischen Schweiz: »18. Juni 1882 Bollendorfer Musik-Verein«

Die Hohllay, ehemaliger Mühlsteinbruch, war das Ziel vieler Vereine. Fährt man heute schon in den Süden oder bucht man einen Ausflug in Form einer Flugreise, so begnügten sich Vereine in früherer Zeit mit einer Sonntagswanderung. Eine Vielzahl von Vereinen hat sich in jener Zeit anlässlich eines Sonntagsausfluges in der Hohllay in kunstvoller Schrift verewigt, so auch unser Verein. Im Volksmund wurde der Verein immer noch »Weilerbacher Musik« genannt. Selbst auf dem Vereinsfoto, das nach einem Konzert auf Burg Bollendorf anno 1905 entstand, ist die Bezeichnung Weilerbach zu lesen. Dunkle Anzüge aller Mitglieder, einheitliche Kopfbedeckung prägen das Bild; auffällig auch der große Schellenbaum, der dem Verein bei öffentlichen Auftritten immer vorangetragen wurde.

Herr Menager wurde später abgelöst durch die Dirigenten Herrn Wagner und Herrn Müller, die ebenfalls aus Echternach stammten. Der Verein stand über vier Jahrzehnte in voller Blüte und trug nun den Namen Musikverein Bollendorf. Hier tätigte Schulleiter, die Herren Lehrer Koster und Speicher, die Leiter des Kirchenchores waren, führten auch bald den Taktstock beim Musikverein. Die personelle Stärke der Aktiven lag meist bei dreißig Musikanten.

Jäh unterbrach der I. Weltkrieg viele Aktivitäten Bollendorfer Vereine, da immer mehr Männer zum Kriegsdienst mussten. Unter den 75 Kriegstoten des Dorfes waren auch Aktive des Musikvereins. Nur noch eine kleine Anzahl von älteren Musikanten spielte bei Prozessionen oder kirchlichen Anlässen, Choräle. 

Nach dem verlorenen I. Weltkrieg durfte sich der Verein nach vermittelnder Vorsprache bei der französischen Besatzungsbehörde wieder zusammenschließen und erhielt eine Genehmigung zur Wiedergründung.

In den ersten Jahren wachte meist noch ein Angehöriger der Besatzungsmacht in den Proben darüber, dass nichts gegen das Militärregime unternommen wurde.

Ab dem Jahre 1920 wirkten in Folge hier tätige Zollbeamte als Dirigenten, die vor ihrem Diensteintritt bei der Zollverwaltung aktive Militärmusiker waren. Inflationszeit und chronische Geldnot, wirkliche Armut verhinderten es immer wieder, das längst fällige 50-jährige Vereinsjubiläum zu feiern.

Von 1920 bis 1937 wirkten die Dirigenten Czepanski Rudolf, Herr Laufer, Herr Wedekind und Herr Schwitzer. Auf einem Vereinsfoto aus dem Jahre 1932 stehen 36 Aktive in den Reihen des Orchesters.

Erst im Frühjahr 1928 hatte man das 50-jährige Vereinsjubiläum gebührend feiern können.

Nach den Dirigenten der »Alten Schule« wehte mit jüngeren Militärmusikern ein anderer Wind im Verein. Das musikalische Leistungsniveau galt nach wie vor als ausgezeichnet und der Verein galt schon über Jahrzehnte als einer der führenden im Kreisgebiet und darüber hinaus.

Ein einziges schriftliches Dokument, das nicht durch den II. Weltkrieg verloren ging, ist ein altes Kassenbuch, angelegt durch den damaligen Kassierer Matthias Frisch von 1928 bis 1935. Um 1930 erhielt der Dirigent für eine Probe 4,- RM. Etwa 80 inaktive Mitglieder unterstützten den Verein, erhielten musikalische Begleitung auf ihrem »letzten Gang«. Dieser Zwang zur Teilnahme aller Aktiven schaffte sehr oft Schwierigkeiten durch Arbeits- und Lohnausfälle. Aus dem alten Kassenbuch sind wertvolle Daten wie Notenanschaffungen, kleine Fahrten per Lastwagen oder mit der Bahn, Dirigentenkosten, Einnahmen aus Theateraufführungen und Ballveranstaltungen zu entnehmen. Der Verein praktizierte bei Anschaffung von Instrumenten oft den Modus, dass die Vereinskasse

bei Anschaffung voll in finanzielle Vorlage trat. Monatliche Rückzahlungen der Mitglieder in kleinen Raten führten dann dazu, dass ein Instrument erst nach Jahren in persönlichen Besitz überging. Nicht selten sind Eintragungen vermerkt: »30 Humpen in der »Heimat« (eine gemütliche Dorfgaststätte aus alter Zeit) nach einem Auftritt getrunken«. und vieles andere.

Zum festen Programm jährlicher Auftritte kam meist noch musikalische Mitwirkung an Festen anderer Ortsvereine, für die meist nur ein kleines Honorar und Getränke in Forderung gestellt wurden. Hohen Wert legte der Verein auf seinen jährlichen Maiausflug, der am frühen Morgen mit dem Spielen eines

Marienliedes zum Lobe der Gottesmutter begann. Der Tag endete nicht so züchtig, wie er morgens begonnen hatte.

Fast sieben Jahrzehnte beteiligte sich der Musikverein an der Echternacher Springprozession am Pfingstdienstag. Lohnausfall oder keine Freistellung durch den Arbeitgeber oder keine Urlaubsbewilligung waren die Gründe, die diesen schönen Brauch beendeten.

Laut Kassenbuch besaßen 1934 die Zahl von 28 Mitgliedern ein eigenes Instrument, ausgenommen nur Trommler, Bassisten und Schellenbaumträger. Die Ortsgemeinde zahlte dem Verein einen Jahreszuschuss von 100,- bis 200,RM. Herrschte bei der Teilnahme an Veranstaltungen kirchlicher Prägung oder geselliger Vereinsabende noch volle Einmütigkeit, so wurde es kritischer, wenn Parteien den Verein um Teilnahme baten.

Die Zeit vaterländischer Feste der Kaiserzeit war vorbei und die Parteien rührten die Werbe- und Marschtrommeln.

So sollten die Jahre 1932 und 1933 auch innerhalb eines kleinen Ortsvereines für politischen Zündstoff sorgen. Das Arbeiterdorf Bollendorf hatte zu Beginn der dreißiger Jahre in der SPD eine starke Anhängerschaft. Bereitwillig nahm der Musikverein an der Einweihung des Friedrich-Ebert-Denkmales am 22. Juni 1932 teil, das die Arbeiter auf den Oesenlayen mit viel Mühen aus Findlingen

errichtet hatten. Auch die noch junge NSDAP hatte bald in Bollendorf immer mehr Anhänger und mit ihr die darin eingebundenen Verbände.

Nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler wurde das Ebert-Denkmal in der Nacht zum 8. Mai 1933 in die Luft gesprengt, wobei die geheim gebliebenen Täter in den Reihen der hiesigen SA zu suchen waren.

Der Vorfall führte dazu, dass eine Anzahl von Musikanten sich weigerten, bei den nun zunehmenden Veranstaltungen der NSDAP wie Hitlers Geburtstag, Maiaufmarsch, Erntedankfesten, Fackelzügen und dergleichen mitzuwirken. Bei einer der Veranstaltungen flammte wieder ein politischer Streit auf, bei dem 12 Mann den Verein verließen und für immer fern blieben.

Hinzu kam noch der unglückliche Umstand, dass drei junge Gesellen der Schreinerei Tossing, alle waren gute Aktive, nacheinander verstarben. Der Verein erlebte seine größte Krise seit Bestehen.

Die Reichsführung bewirkt nun bald, dass alle Korporationen, Verbände und Vereine sich dem neuen System einzuordnen hätten unter der Dachorganisation der NSDAP. Hierfür galt allgemein der Begriff »Gleichschaltung«.

Bei Feiern nationaler Prägung wurde an die Deutschland-Hymne ab jetzt das »Horst-Wessel-Lied« im direkten Anhang gespielt, wofür die Noten bereits am 29. Juni 1934 anzuschaffen waren.

Nachdem das entmilitarisierte Rheinland am 7. März 1935 durch die deutsche Wehrmacht besetzt wurde, galt bald die allgemeine Wehrpflicht. Auch viele Männer des Dorfes sowie Aktive des Musikvereins mussten zu Wehrübungen oder ihre Wehrpflicht erfüllen.

Der Verein wurde 1937 vom hier wirkenden Lehrer Hermann Wisser dirigiert. Im gleichen Jahre kommt die Anordnung, die Aktiven des Vereins zu uniformieren im Stil aller braunen NS-Verbände. Wiederum springen einige Aktive aufgrund dieses Diktats ab. Neben jungen Leuten hielten aber auch die ganz Getreuen zum Verein und wirkten weiter mit. Der Musikverein galt ab jetzt als eine Kapelle der NSDAP. Etwa 17 Mann musizierten noch und hinzu kamen noch neue Einberufungen zum Wehrdienst.

Der bevorstehende Krieg engte mit seinen Begleiterscheinungen alles normale Vereinsleben mehr und mehr ein. Für die kleine Schar der Musikanten gab es noch eine Menge Auftritte im jetzt von Westwallarbeitern übervölkerten Bollendorf. Bei Kriegsausbruch wurde Bollendorf für ca. 6 Wochen evakuiert in den Spätsommermonaten 1939. Auch nach Rückkehr der Einwohner hatte der Ausbruch des II. Weltkrieges alles an normalen Vereinsleben gelähmt. Angeblich wegen »Fliegergefahr« wurden von den Machthabern alle kirchlichen Prozessionen verboten, Aufmärsche dem System entsprechend aber befohlen.

Es war fast ein Grabgesang, als der Bollendorfer Musikverein uniformiert zum letzten mal am Weißen Sonntag des Kriegsjahres 1940 in der Prozession vom Schulhof zur Pfarrkirche mitgehen durfte. Der sich bald ausweitende Krieg forderte immer mehr an Opfern, an Einberufungen zur Wehrmacht, Dienstverpflichtungen in Rüstungsbetrieben und dergleichen. Der Verein musizierte nicht mehr und fast alle Instrumente wurden eingesammelt und im Saale Hauer verstaut in großen Schränken. Unser Dorf war von September 1944 bis in den Februar 1945 direktes Frontgebiet und wurde von Vernichtung und Zerstörung heimgesucht.

Nach monatelanger Evakuierung kehrten die Menschen nach und nach im April, Mai und Juni 1945 wieder heim in ihr Dorf, das zu 85070 zerstört war. Sicherheitshalber wurde anfänglich von den Besatzungsmächten angeordnet, dass außerhalb von Kirche oder Friedhof »nicht mehr als fünf (!) deutsche Staatsangehörige« sich versammeln durften. Diese Verordnung galt schon bald als überholt und als erster Ortsverein durfte der Kirchenchor seine Probenarbeit wieder aufnehmen.

Für Vereinsneugründungen mussten besondere Genehmigungen eingeholt werden bei der französischen Besatzung. Eine Neugründung des Musikvereins direkt nach dem Kriege war unmöglich, da neben dem Vereinsverbot zudem nur 3 zerbeulte Blasinstrumente im Dorf aufgefunden wurden.

Nach Einführung der DM 1948 wurden bald von den noch lebenden Vereinsmitgliedern, Heimkehrern aus Gefangenschaft und anderen Getreuen Gespräche über eine Reaktivierung des Vereins geführt. Vor der Neugründung mussten alle Aktiven Fragebögen ausfüllen über Wehrmachtszugehörigkeit, politische Aktivitäten, Zugehörigkeit in NS-Verbänden, Arbeitsnachweis in der Zeit des »Dritten Reiches« u. v. a.

Im Dezember 1948 erteilte nach langen Vorkehrungen die französische Kommandantur in Kyllburg die Genehmigung zu einer Wiedergründung des Bollendorfer Musikvereins. Die vorerst noch sehr knappe DM erlaubte dennoch den Kauf einiger Instrumente und Reparatur der vom Kriege übriggebliebenen.

Einige Männer nahmen unter dem Dirigenten Wisser, der auch ein guter Chorleiter war, die Probenarbeit im Winter 1948/49 auf.

Einige Daten des ersten Vereinsjahres im Nachkriegsjahre 1949 sollten noch in Erinnerung gerufen werden:

  3. 3. 1949: erste Probe mit neuer Bass-Tuba

  7. 8. 1949: Fußballspiel Musikverein-Feuerwehr; gute Einnahmen

12. 9. 1949: Strenger Verweis durch Franzosen wegen Verstoß gegen geltende   

                    Versammlungsordnung

25. 9. 1949: erster Auswärtsauftritt des Vereins in Bitburg

3. 10. 1949: Kirmesdienstag Umzug durch Bollendorf und Haussammlung!

                    Vor dem Verein wurde ein Schild getragen mit der Aufschrift: Wenn jeder eine

                    Mark lässt springen - wird bald im Dorf Musik erklingen! Die Einwohner spendeten

                    freudig im Rahmen gegebener Möglichkeiten.

24.12.1949: Franzosen genehmigen Aufführung eines Theaterspiels

Wie viele Ortsvereine erlebte auch der Musikverein 1950/51 den Zulauf vieler junger Mitglieder. Herausragendes Ereignis des Vereinsjahres 1950 war die Feier des längst fälligen 75-jährigen Vereinsjubiläums, das zum wirklichen Jubiläumsjahr nicht gefeiert werden konnte. Auftakt des Festes war ein großer Festabend am Samstag, dem 3. Juni 1950 im wieder aufgebauten Saale Hauer mit anderen Ortsvereinen. Unter freiem Himmel wurde neben der Burg Bollendorf auf einem ausgebauten Festplatz das Fest mit Nachbarvereinen und den Gästen fortgesetzt.

Das Vereinsleben normalisierte sich. Theateraufführungen, Konzertveranstaltungen und Beiträge Inaktiver Mitglieder sowie ein Zuschuss aus der Gemeindekasse waren die Haupteinnahmen.

Als »Uniformen« wurden einfache blaue Mützen angeschafft. Leider verließen immer wieder eine große Zahl junger und neuer Mitglieder nach kurzem Gastspiel den Verein. Im Jahre 1955 hatte der Verein ca. 100 inaktive Mitglieder als Förderer.

Am 12. Juni 1955 feierte der Musikverein sein SO-jähriges Vereinsjubiläum. Auftakt war wiederum ein Festakt und Kommersabend im Saale Hauer mit den Gastvereinen aus Bitburg und Dudeldorf. Da der Verein vorerst noch hohe Mieten für ein Festzeit scheute, wurde auf dem früheren Tennisplatz des einstigen Hotels WaldviIIa - Sonnenhof eine Festwiese hergerichtet. Beim sonntäglichen Festzug setzte starker Regen ein, der anhielt und das Fest unter freiem Himmel unmöglich machte. Gastvereine flohen in die Gaststätten und in die Säle Hauer und Simon und spielten zur Unterhaltung auf. Das gesamte Fest und die erhofften Einnahmen waren ins Wasser gefallen.

Das Vereinsjahr 1956 stand unter einem ungünstigen Stern. Entgegen früherer Auswärtsfahrten auf Lastwagen erlaubte sich der Musikverein schon Ausflüge per Reisebus. Der Musikverein wirte am 3. Juni 1956 im Festzug in Holsthum mit und spielte danach im Festzeit auf. Dirigent Hermann Wisser, Chorleiter und Hauptlehrer entfernte sich sofort nach dem Bühnenauftritt und wurde nach kurzem Unwohlsein in einem Nachbarhaus vom Herztod ereilt. Der so plötzlich Verstorbene hatte in den Nachkriegsjahren maßgeblich Anteil am wieder erblühenden Kulturleben des Ortes. Er wirkte 21 Jahre als Lehrer in der Volksschule. Sein Tod traf Kirchenchor und Musikverein schwer. Seinem Verdienst entsprechend war auch die hohe Beteiligung bei seinem letzten Gang, wo sich viele Trauergäste aus dem Lehrerkollegium, der Einwohnerschaft, Vereinen und Verbänden auf dem Friedhof einfanden.

Schon am 15. Juli 1956 fand eine erste Probe unter dem neuen Dirigenten Helmut Döss statt, der hier als Zollbeamter im Grenzdienst war und hervorragende musikalische Kenntnisse besaß.

Im gleichen Jahre trat der Verein dem Verband Deutscher Volksmusiker bei. Angeschafft wurden auch neue weiße Mützen als Einheitsbekleidung.

Obgleich alle bisherigen Jubiläen mit erheblicher Verspätung ausgerichtet wurden, hatte es der Verein mit dem 90-jährigen Stiftungsfest wesentlich eiliger. Unter Schirmherrschaft des damaligen Landrates Konrad Schubach, später Staatssekretär, Vorsitzender des Eifelvereins, des Verbandes deutscher

Gebirgs- und Wandervereine) wurde das Fest ausgerichtet vom 1. bis 3. August 1959. Erstmals wurde ein Festzeit aufgestellt in den Flußauen am Sauerstaden. Viele Vereine, Festgäste und Einwohner feierten mit. Am Montag war Festausklang, Kinderfestzug und Tanz.

Helmut Döss leitete den Verein sieben Jahre und nahm nach dem Austritt vom Zolldienst eine Tätigkeit auswärts auf und stand nicht mehr zur Verfügung. Für ein paar Wochen leitete Johann Willmes 1963 den Verein ohne Erfolg. Ein Musik- und Volksfest am 3. August 1963 verlief gut und brachte, auch trotz Mietkosten eines Festzeltes noch einen ordentlichen Gewinn.

Der Vorstand entschloss sich im Winter 1965, einen neuen Dirigenten zu verpflichten. Man knüpfte Kontakte zu Herrn Jean Flammang in Echternach, der hier in mehreren Häusern Kindern des Ortes Musikunterricht erteilte. Herr Flammang war vor dem Kriege Angehöriger der luxemburgischen Militärmusik, hatte Abschlussprüfung am Konservatorium nachzuweisen, wirkte im Rundfunkorchester, komponierte und besaß erstklassige Voraussetzungen. Der Vertrag zwischen dem Musikverein Bollendorf und dem Dirigenten wurde am 21. März 1965 unterzeichnet.

Mit der Stabführung durch Herrn Flammang begann eine neue Ära im Vereinsleben, die ein Höhenflug ohnegleichen war und leider Gottes in einem nie vorauszuahnenden Tief endete. Inzwischen hatte der Verein auch neue Mützen. angeschafft und trat mit diesen und mit ihrem neuen Dirigenten bei der Einweihung der neuen Grundschule am 30. Mai 1965 erstmals auf. Auf Bestreben des neuen 

Dirigenten wurden eine Vielzahl von neuen Instrumenten im Luxemburg eingekauft. Viele junge Mitglieder traten dem Verein wieder bei. Das Dorf merkte den frischen Wind und Wandel des Vereins sehr rasch und zeigte sich großzügig bei der Kirmessammlung 1965. 

Herr Flammang integrierte bald ein Akkordeonorchester innerhalb des Musikvereins aus den Reihen seiner früheren Musikschüler- und Schülerinnen.

Die Probenarbeit wurde immer straffer und strenger. Der Samstagabend war Probentermin und führte immer noch zum Erfolg.

Im Jahre 1966 wurde der Beschluss gefasst, neue Uniformen anzuschaffen, die von Bollendorfer Schneidern zu einem sehr annehmbaren Preis maßgeschneidert wurden. Eine Anzahl der Mitglieder finanzierte den vollen Preis, andere nur die Uniformhosen. Über den Kreis kam ein beachtlicher einmaliger Zuschuss und die Gemeinde geizte ebenfalls nicht.

Die Kenntnisse von Herrn Flammang ließen aufhorchen. Er wurde bald hier als Musiklehrer in der Grundschule durch die Bezirksregierung Trier und auch später an der Neueinrichtung Hauptschule Irrel für den Musikunterricht eingesetzt. Es hatte für den Verein den Vorteil, dass er eine Vielzahl von Jungen und Mädchen dem Verein aus der Schule heraus zuführte. Er leitete nun den Musikverein, das Mandolinenorchester der Schule Bollendorf und das Akkordeonorchester.

Unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Michel Gierend fand am 6. und 7. August 1966 ein weiteres Sommerfest statt, das ebenfalls gewinnbringend und wegen der jetzt hohen Ausgaben dringend vonnöten war. Durch Spenden konnte auch eine Anzahl von Marschtrommeln erworben werden. Vor dem Verein marschierte bei Marschauftritten ein weißgekleidetes Mädchen -Trommlerkorps mit Tambourmajorin. Ein erster Auftritt dieser Art ließ aufhorchen und trug Bewunderung ein weit über das Kreisgebiet hinaus, als der Verein am »Europäischen Grenzlandtreffen« in Bitburg teilgenommen hatte.

Im Jahre 1967 wurden die alten Vereinssatzungen neuüberarbeitet. Es gab Teilnahmen an Wertungsspielen mit Erfolgen. Sowohl das Mandolinenorchester der Grundschule und das Akkordeonorchester errangen auf Kreisebene im Musikwettbewerb in Folge von 1968 bis 1970 dreimal den I. Platz. Beim Europäischen Grenzlandtreffen 1969 trat der Bollendorfer Musikverein in Bitburg erstmals in seiner Geschichte mit 68 Aktiven auf.

Die Vereinsarbeit erforderte von den Mitgliedern unendlich viele Probestunden. Der Dirigent verlangte hohe Disziplin und letzten Einsatz. Im Jahre 1969 wurden registriert: 43 Proben für das große Orchester, 19 Proben kleines Orchester an Sonntagen, Akkordeonorchester 8 Proben, 37 Auftritte für die Blaskapelle, davon 11 auswärts und 26 im Dorf. Der Vorstand beschloss im Herbst 1969, im Jahre 1970 das 100-jährige Vereinsjubiläum mit einer Jubiläumsfestwoche vom 25. Juli bis 2. August auszurichten.

Es sollte das bis dahin größte Fest werden, das bis zu diesem Zeitpunkt je in Bollendorf stattgefunden hatte. Die Vorbereitungen waren sehr umfang- und arbeitsreich. Eine Jubiläumsfestschrift mit 196 Werbe- und Textseiten wurde von Paul Colljung verfasst, in Echternach gedruckt und im Juli 1970 in einer Auflage von 1000 Stück herausgegeben. Landrat Vogt hatte das Protektorat übernommen. Der Auftakt war ein Festkommers mit dem Orchester Broekhuizenvorst aus Holland, dem Kirchenchor Bollendorf, der Volkstanzgruppe Bollendorf und dem Musikverein Ferschweiler.

Am Sonntag, dem 26. Juli war ein Internationaler Musiktag. Mit Orchestern aus Frankreich, Holland, Deutschland und Luxemburg. Am Mittwoch, dem 29. Juli erlebten die vielen Gäste im  Festzelt einen Großen Bunten Abend mit Künstlern von Funk und Fernsehen, unter ihnen der Meisterjodler Franzl Lang.

Der Samstag war geprägt als Rheinischer Stimmungsabend, wobei die Hubertisschützen Niedermendig mit ihrem tollen Orchester und die Original-Sulmtaler Spitzbuam aus Graz in der Steiermark das Fest auf den Kopf stellten.

Der Sonntag, 2. August ließ das Fest ausklingen mit einem Grenzland-Musiktag unter Beteiligung vieler Vereine. Alle Festtage waren wohl gelungen und das 100-jährige Geburtstagskind des Ortes wurde gebührend gefeiert, geehrt und beschenkt. Nach dem so gut begonnenen Jahrzehnt 1970 setzte der Erfolg sich für den Verein nicht wie gewohnt fort. Der Jahresetat für die Existenz des Vereins umfasste zu diesem Zeitpunkt schon 10.000,- DM für Dirigentenkosten, Notenmaterial, Instrumentenkauf und Reparaturen, Fahrten und vieles mehr. Beiträge inaktiver Mitglieder, Haussammlungen, Einnahmen von Konzerten deckten kaum noch die laufenden Kosten.

Der Verein schien musikalisch, stärkemäßig und organisatorisch nach dem großen Jubiläumsjahr seinen Zenit überschritten zu haben. Es machten sich die ersten Zerfallserscheinungen bemerkbar.                                                     

Der Dirigent Herr Flammang konnte im Gegensatz zum Blasorchester des Musikvereins mit dem Akkordeonorchester, dem Mandolinenorchester der Schule immer mehr Erfolge aufweisen, ebenso mit dem Orchester der Grund- und Hauptschule Irrel. Hier kam es wieder zu Erfolgen auf Kreis- und Bezirksebene und zum Landessieg im Jugendmusikwettbewerb von Rheinland-Pfalz. Der Musikverein Bollendorf kam immer mehr ins Abseits, wobei die Ursache sowohl bei den Aktiven wie auch beim Dirigenten zu suchen war.

Im Jahre 1973 feierte der Bollendorfer Musikverein noch ein Sommer- und Musikfest. Nur schwer gelang es, die Aktiven zu motivieren. Das Fest mit Gastvereinen und teuren Künstlern, Festzelt hatte keinen finanziellen Erfolg. Ein Gönner aus dem Ortsteil Bollendorf-Parkdorf steuerte einen ansehnlichen Geldbetrag bei, sodass bei der Endabrechnung wenigsten keine rbten Zahlen geschrieben werden mussten.

Die so zahlreich vertretene Jugend des Vereins wurde auch wie einige der älteren Mitglieder »vereinsmüde«. Samstagproben wie in Jahren zuvor waren nicht mehr denkbar. Das so große Vereinsgefüge war für dörfliche Verhältnisse schon überdehnt und drohte zu zerplatzen wie ein Riesenballon.

Der Dirigent konnte sich Jahre zuvor mit seinem Diktat über Instrumentenkauf, Lieferfirmen, Ausgaben immer beim Vorstand durchsetzen. Für die ihm so lieb gewordenen Jugendorchester, die noch auf der Erfolgswelle schwammen, verlangte er vom Musikverein zunehmend mehr und mehr Finanzen. Er

zog es ferner vor, Kurkonzerte und Auswärtsauftritte nicht mehr mit den Bläsern, sondern mit dem Akkordeonorchester zu bestreiten.

Die nun entstandenen Missstände schienen den totalen Zerfall des Musikvereins förmlich zu programmieren. Warnungen von Vorstandsmitgliedern wurden überhört. Um den jetzt herrschenden Zustand zu mildern, sprachen sich der 1. Vorsitzende Paul Colljung und der II. Vorsitzende Günter Kneveler dafür aus, einen neuen Dirigenten zu verpflichten, um den drohenden Zerfall zu vermeiden.

Im September 1973 stellten sie die Vertrauensfrage: andere Dirigentenverpflichtung oder Rücktritt der Vorsitzenden. Das Stimmenergebnis lautete 33:2 für Herrn Flammang. Die Unterlegenen blieben dennoch trotz Rücktritt aktiv im Verein im Gegensatz zu den zwei vorherigen Vorsitzenden, die den Verein nach ihrem Rücktritt verließen.

Die Talfahrt des Vereins setzte sich fort. Was beschwörend vorausgesagt war, trat 18 Monate nach der Generalversammlung mit »Vertrauensfrage« ein. Nachdem der Verein in vieler Hinsicht total in einem Tief war, verließ Herr Flammang das Dirigentenpult. Das Vereinsleben war erloschen. Seit dem Fortgang von Herrn Flammang im Jahre 1975 gab es einige neue Startversuche mit vier Dirigenten.

Diese Bemühungen erstickten förmlich schon in ihren Probenversuchen da die größte Anzahl der Mitglieder verschiedensten Alters überhaupt nicht erschien. Proben und Versammlungen blieben ohne Erfolg. Bei örtlichen Festen wurden vom Verkehrsverein oder von der Gemeinde Musikvereine aus anderen Ortschaften verpflichtet.

Zu Beginn des Jahres 1977 scharte der Bollendorfer Bauunternehmer Bernhard Fabry alte Vereinsmitglieder und Gemeinderäte um sich, um den Bollendorfer Musikverein zu reaktivieren. Organisatorisch gelang das Vorhaben überraschend gut. Der neue Dirigent, der auch hiesiger Chorleiter war, verlangte von der anfänglich erschienenen kleinen Bläserschar hohe Leistungen. Der musikalische Erfolg blieb aus und der Dirigent wandte sich nach wenigen Proben ab.

Erst als der neue Vorstand 1977 Herrn Ludwig Michels aus Ferschweiler als Dirigent verpflichtete, kam Ruhe in den Verein und die musikalischen Leistungen blieben nicht aus. Vorstand und Dirigent führten den Vereinlaus der Talsohle. Der Personenstand der Aktiven konnte aber trotz aller Bemühungen, ständiger Aufrufe im Dorf, Vorsprache bei früheren Aktiven kaum über eine

Anzahl von 20 Leuten gesteigert werden.

Trotz einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Musikanten ist das musikalische Leistungsniveau des Bollendorfer Musikvereins beachtlich. Die musikalischen Leistungen werden von der Einwohnerschaft wieder sehr hoch eingeschätzt.

Seitdem Helmut Plein den Vorsitz des Vereins übernommen hat, werden wieder junge Schüler über die Kreismusikschule ausgebildet. Sehr oft wird die Frage aufgeworfen, warum anderen Vereinen im Großkreis Bitburg-Prüm in punkto junger Mitglieder mehr Erfolg beschert ist. Hat Bollendorf zuviele Vereine?

Junge Menschen, die einem Musikverein beitreten, müssen üben, Freizeit opfern, finanzielle Leistungen auch von ihren Eltern fordern.

Tretet man in andere Ortsvereine ein, hat man Geselligkeit und Entspannung  ohne derartige Opfer zu bringen. Ein Umstand, unter dem auch der Kirchenchor und der SV Bollendorf zu klagen haben.

Das Jubiläumsjahr 1990 scheint bis jetzt unter einem günstigeren Stern zu stehen. Erfreulicherweise sitzen wieder mehr Jugendliche in den Reihen der Aktiven.

Auch der Ort mit seinen Einwohnern zeigt sich dem Verein, dessen jährliche Auftritte der Zahl vierzig nähern, wohl gesonnen. Eine hohe Anzahl von 160 Vereinsfördern ist dem Bollendorfer Musikverein als Inaktive beigetreten und leistet einen jährlichen Förderungsbeitrag.

Die Bollendorfer Musik zählt zu seinen Jahreseinnahmen ferner das Ergebnis des traditionellen Kirmesmarsches, die Ausrichtung eines Sommerfestes und kleinere Einnahmen von Konzertauftritten.

Der Musikverein beschließt jetzt 12 Jahrzehnte Vereinsgeschichte und bald wird das Tor zu einem neuen Jahrtausend aufgestoßen. 

Der Dank gilt allen Mitgliedern, den Toten und Lebenden, ohne deren Arbeit und Unterstützung es dieses Vereinsjubiläum nicht gäbe. Auch der ständigen Unterstützung durch die Einwohnerschaft gilt höchste Anerkennung und Dankbarkeit. Hoffen wir, dass dieses kulturelle Werk der Gründung des Bollendorfer Musikvereins weiter fortlebt und auch im kommenden Jahrtausend eine

tragende Säule dörflichen Vereinslebens bleiben wird.

Paul Colljung (August 1990)

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